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Dr. Gustav Kuhfahl, Dresden:
Formen und Farben im Landschaftsbilde des Elbsandsteingebirges

Im Sandgebiete der Sächsisch-Böhmischen Schweiz ist der Zusammenhang und die Einwirkungdes geologischen Untergrundes auf die ganze Bodengestaltung, Vegetation, Wassererzeugung und Besiedelung von so einschneidender Bedeutung, daß auch der Laie dieses Wechselverhältnis ohne weiteres zu erkennen vermag. Sieht man von dem Elbstrome selbst und den Nebenflüssen ab, die mit starken Wassermassen bereits aus dem Hinterlande in das Sandsteingebiet einfallen und sich den Durchfluß erzwungen haben, so fehlt dem Sandsteingebirge jeder namhaftere ausdauernde Quell. Wenn man also die Eigenschaften und Eigenarten dieses Berglandes wirklich kennen lernen will, dann muß man das Elbtal und die Grundstraßen längs der Kirnitzsch, Kamnitz, Polenz, usw. verlassen und in die einsamen Gebiete eindringen, wo Ansiedelungen infolge des ständigen Wassermangels zur Unmöglichkeit werden.
In diesem engeren Sinne möchte ich für die folgenden Zeilen den Begriff Sandsteingebirge aufgefaßt wissen;
Seit einer Reihe von Jahren habe ich mich bemüht, den Eigenheiten der Gegend nachzugehen und ihre Schönheiten mit Hilfe der photographischen Kamera festzuhalten. Dabei kommt man aber mehr und mehr zu dem Ergebnisse, daß an künstlerischen Motiven dort recht wenig zu holen ist, daß die Landschaft bei allem fesselnden Reize von der Natur sehr stiefmütterlich bedacht wird und neben ihren bizarren, ästhetisch unvollkommenen Felsformen eine Armut an Farben des Bodens, des Pflanzenwuchses und des Himmelsdaches aufweist, wie selten ein anderer Landstrich.
Wenn wir uns auf dem Gebiete der bildenden Künste umschauen, so finden wir kaum ein nennenswertes Werk und trotz der Nähe der Kunststadt Dresden keinen Meister von Ruf, der hier aus der Farbenzweiheit des gelbbraunen Felses und des düsteren Nadelwaldes seine Vorbilder entnommen hätte.
Auch auf photographischem Wege ist mir noch kein Naturausschnitt zu Gesicht gekommen, der nach Geschlossenheit, Linienführung und Massenverteilung auch nur einer einigermaßen ernsteren Prüfung stand zu halten vermöchte und dabei eben den vollen Charakter des Elbsandsteingebirges wirklich zum Ausdruck brächte.
Der öde, unfruchtbare Sandboden, der die Umgebung der Felsgruppen ausmacht und die Gipfelflächen der Tafelberge oder der vorspringenden Hörner überzieht, bringt keinen buntfarbigen Blumenteppich und keinen hellgrünenden Laubwald hervor. Nur wenige anspruchslose Blütenpflanzen sprossen aus dem Moosteppiche oder zwischen den Büschen von Heidekraut und Heidelbeere hier und da hervor. Selten mischt sich der weiße Stamm einer Birke unter das Gelbrot der Kieferwaldungen. Die Armut an Blütenpflanzen bedingt ihrerseits wiederum das spärliche Vorkommen von Insekten und buntfarbigen Faltern, sowie in zweiter Linie das Fehlen ihrer gefiederten Vertilger. Das Wachstum und das Leben, dem man im Bereiche des Basaltes und des Kalkes auf Schritt und Tritt begegnet, ist hier in den dämmernden Schluchten einem feierlichen Schweigen gewichen.
Schlicht und eintönig ist also die Färbung dessen, was den Boden besetzt. Mit der photographischen Kamera läßt sich deshalb nur bei günstigsten Beleuchtungsverhältnissen und nur mit besonderen Hilfsmitteln ein Negativ herstellen, das auch nur in technischer Beziehung einigermafsen vollkommen ist und die Helligkeitswerte des beschatteten und beleuchteten Felsens oder Nadelholzes mit einiger Plastik wiedergibt. Versucht man aber eine Aufnahme von Felspartien bei trübem Wetter oder selbst nur beim matten Glänze der Wintersonne, so erhält man kaum mehr, als glatte eintönig graue Flächen oder Schattenbilder, die von der wahren Gestaltung keine Vorstellung geben können.
Zu alledem kommt, daß auch das Himmelslicht hier weder in den Morgen- noch in den Abendstunden jenen farbigen Zauber über die Landschaft auszugießen vermag, den wir mit andächtigem Staunen im Hochgebirge oder an der See, ja auch über den reizlosen Linien der Ebene zu bewundern pflegen. -
Elbsandsteingebirges und seine Armut an künstlerischer Schönheit bedingt; kenne ich doch Gegenden, die hinsichtlich ihrer Farbigkeit sogar noch spärlicher bedacht sind, und dabei doch, wie z. B. ein ödes Kar der Kalkalpen, ein Stück braunroter Heide oder ein winterliches Stück vom Riesengebirge, eine Fülle von geschlossenen malerischen Vorwürfen zu bieten pflegen. Die Sandsteinformation selbst gibt vielmehr durch ihre Gestaltung im einzelnen einen zweiten Grund für den Charakter der Gegend ab. Ihre Hörner und Nadeln, Zacken und Türme, Wände und Stöcke entsprechen mit der fremdartigen Linienführung nicht dem ästhetischen Bilde, das wir sonst mit dem Namen eines Berges, also mit einer namhafteren Erhebung der Erdoberfläche verknüpfen, über dem breitauslaufenden wuchtigen Unterbaue sehen wir wohl sonst schrägansteigende Flanken nach oben verjüngend zur feinen Spitze oder zur stumpfen, Kuppe sich vereinen. Anders im Sandsteingebiete. Jäh und unvermittelt schießt der Fels aus dem beweglichen Sandboden empor, senkrecht sind seine Wände, und oben endet die Klippe unbefriedigt in verwaschenen zerklüfteten Platten. Das Gefühl festgegründeter, berechtigter Würde, Unvergänglichkeit und Erhabenheit, das man z. B. beim Betrachten eines der formenschönen Basaltberge Nordböhmens empfängt, wird niemanden beim Anblicke der Sandsteinkolosse überkommen. Schreckhaft und grotesk wachsen sie aus beweglichem Sande hervor, reihenweise spotten sie der Einfachheit eines Motives und selbst da, wo sie einzeln und in riesenhafter Größe im Walde stehen, wird das Künstlerauge ohne Befriedigung auf dem Bilde weilen. Mit dem ruhigen Ebenmaße, das z. B. der Wellenlinie des Hügellandes, der stumpfen Kuppe eines Basaltkegels oder dem spitzen himmelanstrebenden Aufbaue einer Granitnadel eigen ist, läßt sich die doppelt gebrochene Linie der Sandsteinklippen mit ihrem unbefriedigten Abschlüsse in der Höhe nicht vergleichen. Das Auge vermißt hier in den senkrechten Wänden sogar die feine Verjüngung, die den lebenden Baum zur Spitze führt, die zugleich sein weitverzweigtes Wurzelwerk drinnen im Boden ahnen läßt und dadurch dem Stamme den Eindruck wohlbegründeter Festigkeit verleiht.
Nach alledem erklärt es sich, daß wir wohl gute Ansichtsbilder, geschickte Einzelausschnitte von Felsgruppen oder Waldblicken zu sehen bekommen, daß aber ein wirkliches ernstes Kunstwerk aus den Fels- und Waldgebieten des Elbsandsteingebirges noch lange seines Schöpfers harren dürfte.

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Date: 2006-01-04 15:36