1. Photographische Landschaftstour

Hermann Krone:
1853 - Erste photographische Landschaftstour durch die Sächsisch-Böhmische Schweiz

Am 22. September 1853 setzte sich Hermann Krone mit seinen Begleitern (der Braut, Schwiegermutter und künftigem Schwager, sowie Frau Ganzen als Bedienung) in Bewegung, dieses „so denkwürdige Unternehmen“ durchzuführen. Nach wenigen Metern brach der geliehene Kinderwagen, der die gesamte Ausrüstung (hölzerne Plattenkamera, Dunkelkammer, Glasplatten, Chemikalien, Reisegepäck) transportieren sollte, zusammen. Als Ersatz wurde ein stabiler „Aeppelwagen“ besorgt, der zwar gewaltige Strapazen verursachte, die Tour aber überstand. Krones mobile Dunkelkammer bestand aus einem Fotostativ mit daran befestigtem Familienregenschirm, darüber ein großes schwarzes Futtertuch, das bis zum Boden reichte. Darunter ein flacher Deckelkorb als Tisch. Auf einem Stuhl war der Platz für das Silberbad, unter ihm stand die gefüllte Gießkanne zum Abspülen. Im Gestänge des Schirms hing eine Laterne.

Originaltext, leicht gekürzt:

„Erfahrungen über solche Touren lagen zu der Zeit noch nicht vor; so geschah es denn begreiflicherweise, daß einige dieser Vorbereitungen mit staunenswerter Naivität ins Werk gesetzt wurden. Von günstiger Vorbedeutung für das Wohlgelingen des Unternehmens war, daß ich die Zusage einer Reisebegleitung erhielt, wie sie liebenswürdiger nicht gedacht werden kann. Sie machten die Tour von Anfang bis Ende getreulich mit und waren dabei so geduldig im Ertragen von allerhand Unbequemlichkeiten und kleinen Leiden des menschlichen Lebens, wie sie nur dem Landschaftsfotografen passieren. Am Lichtenhainer Wasserfall angelangt, engagierte ich den alten bewährten Schweizführer Frenzel aus Lichtenhain für die ganze Dauer der Tour und ging nun daran, mein Zelt aufzubauen, um mit der Photographie des Wasserfalls meinen Zyklus zu beginnen... Das Zelt stand; die Laterne hing pflichtschuldigst innerhalb der Spreizen der alten Familienspritze. Das Putzen der Platten besorgte ich in dem benachbarten Chaisenschuppen. Nun ging es ans Präparieren der Platte, wobei ich den ganzen schwankenden Bau immer wieder halten mußte, weil dann und wann auftretende Windstöße jedesmal das ganze Zelt und zunächst seine Beletage, die auf dem Stativ aufgespießte Familienspritze, meuchlings zu entrühren drohten. Genug, ich präparierte, so gut es eben gehen wollte und machte meine Aufnahme; während dessen drohte mein Zelt wieder fortzufliegen; die Laterne war von ihrem schwankenden Olymp herabgestürzt und ausgelöscht. Glücklicherweise stand das Silberbad noch unversehrt... Ich verwünschte das Zelt, - o Jammer! Jetzt erst bemerkte ich, nachdem die Sonne etwas weiter gerückt war, so daß sie einen kleinen Teil des schwarzen Zeugs beschien, daß dieses, obgleich doppelt genommen, doch noch soviel Tageslicht hindurchließ, daß ich, wie in der Dämmerung, im Inneren des Zeltes die Gegenstände ohne Licht unterscheiden konnte. Nun, beim Entwickeln der belichteten Platte mußte es sich ja zeigen, ob das Zelt, im Schatten aufgestellt, überhaupt zu verwenden sei. Als mein Entwickler über die Platte floß, erschien sofort der verhängnisvolle Schleier über der ganzen Platte, der mich deutlich genug belehrte, daß ich dieses ominöse Zelt gar nicht wieder auszupacken, respektive aufzustellen brauchte.
Während aller dieser Widerwärtigkeiten war die brauchbare Beleuchtung des Wasserfalls vorbei, an eine Wiederholung der Aufnahme war nicht zu denken, denn ich hätte ja erst noch irgend einen Raum, z.B. den Chaisenschuppen, verfinstern müssen, um darin präparieren und entwickeln zu können... Ich mußte also nach vergeh lieber Arbeit resultatlos abziehen. Es ging mir dabei wie dem Fuch mit den Trauben; eben so, wie der sich damit tröstete, daß die Trauben sauer seien, so suchte ich in dem Gedanken Beruhigung zu fas sen, daß doch der ganze Lichtenhainer Wasserfall eine ganz vei zwickte unglückliche Form besitze und sich zu einem Bild dod eigentlich herzlich schlecht eigne...
Von jetzt an war ich darauf angewiesen, mir überall da, wo ich zi photographieren wünschte, wenigstens so nahe als möglich dabe:
einen dunklen Raum zu verschaffen oder herzustellen, den ich al Laboratorium benutzen konnte. Nun ging die Reise weiter zum Kuhstall. Hier hatte meine photographische Obstwagen-Ambulanz die erste Berg-probe zu bestehen. Wenn der Weg nicht gar zu steil an stieg, ging die Fuhre ganz vor trefflich vorwärts, bald zog die Frau Ganzen vom und Frenzel schob von hinten... Wo es aber steiler wurde, genügte das nicht. In solchen Fällen zogen beide und dann schob immer einer von uns. Wohlbehalten und schweißtriefend, ungeachtet des kühl gewordenen Nachmittags, der Himmel war inzwischen trübe be, oft sogar finster - kamen wir am Kuhstall an. Der Wirt erlaubt mir, in dem kleinen bretternen Restaurationshäuschen, das damal als Kuhstall-Hotel vorhanden war, die Küche zu verfinstern und dari meine Bildzauberei vorzunehmen.Wasser zum Spülen war nicht viel vorhanden, mit dem mußte ich sehr sparsam umgehen und dasselbe natürlich extra bezahlen, weil der Bedarf an Wasser von unten auf den Kuhstallhinaufgeschafft werden muß.
An eine Aufnahme des Kuhstalls von der Waldseite war nicht zu denken, dazu war es viel zu finster und die Beschaffenheit des Collodiums in der damaligen Zeit für diese Aufnahme überhaupt ganz ungeeignet. Von der Südseite her, im Innern der Höhle, ist bekanntermaßen für eine photo-graphische Aufnahme die Distanz kürzer als wünschenswert. Dennoch versuchte ich von dieser Seite die Aufnahme und verwendete dazu, weil mir meine vortreffliche dreizöllige Landschaftslinse die Gegenstände bei diesem Abstand zu groß zeichnete, das von mir in Reserve ebenfalls mitgenommene bedeutend lichtstärkere vierzöllige Portrait-Objectiv, das freilich, da es für Landschaft nur mit großem Lichtverlust mit kleiner Blende zu verwenden ist, hier aber, der Finsternis halber, mit voller Öffnung in Tätigkeit gesetzt wurde, das Bild zum großen Teil unscharf wiedergeben mußte. Wer aber zum ersten Male einen Weg betritt, über den Erfahrungen noch nicht vorhanden sind, der wagt manches mit Recht, was dann später, erfahrungsgemäß, vermieden werden kann. So ging mir's mit dem Kuhstallbilde. In voller Erwartung eines guten Resultats stellte ich für diese Aufnahme alle begleitenden Personen zu einer Gruppe in der Kuhstallhöhle. In dieser Gruppe war Heinrich hoch zu Roß dargestellt. Schon wollte ich öffnen, als den Gaul die Furcht beschlich, die Kanone könne losgehen - er nahm Reißaus. Man brachte ihn aber bald wieder zur besseren nsicht und mit wahrer Todesverachtung hielten endlich Roß und Reiter stand, so lange die Exposition (Belichtung) dauerte. Nun ein neuer Übelstand. Es zeigte hier bei dem Aufenthalt im Walde, daß allerhand Mücken und Fliegen sich unberufener Weise auch auf meine Apparate niederließen und unfehlbar meine Bildplatten durch umhertapsen auf denselben zerstören würden, wenn der Trockensten, in dem sie bis zum Trocknen auch während des Transports stecken bleiben mußten, nicht mit dünnem Zeuge überspannt würde, was bis jetzt nicht geschehen war. Aber woher hier Gaze oder ähnliches Zeug bekommen? Dieser Gedanke hatte mich während des Entwickeins der Platte beschäftigt. Als ich mit derselben aus der Dunkelküche hervortrat, fand ich vor, was ich brauchte... Ja, nehmt nur, die ihr etwa in ähnliche Fälle kommt, nehmt nur eure Braut mit auf Reisen, dann wird wohl, wie im vorliegende Falle, selbst das Futter eines Kleides geopfert.
Also auch dieses Bild fiel nicht zu meiner Zufriedenheit aus; ich kannte wohl die Mängel des Resultats, konnte aber, wenigstens für diesmal, hier nichts Besseres schaffen, denn der Himmel hatte sich mehr und mehr mit einer dunklen Wolkendecke umhüllt, auch war es bereits so spät gegen Abend, daß das Licht schon an sich immer unwirksamer wurde. Also weiter wandern, immer weiter, bis endlich die richtige Stelle gefunden würde, wo unter den gegebenen Verhältnissen gute Resultate möglich wären.“
„Für den Transport der Apparate über den Kleinen Winterberg nahm ich von hier einen Tragsessel mit zwei Trägem mit, da es mir klar wurde, daß ich den beladenen Handwagen niemals den steilen Zickzackaufstieg hinauf würde bringen können. So aber wurde das Gepäck auf den Tragesessel geladen und der Wagen leer mitgenommen. Daß wir denselben überhaupt dort hinauf schaffen konnten, wurde nur dadurch ermöglicht, daß wir alle, selbst die Damen nicht ausgenommen, hierbei nach Kräften mitgeholfen haben. ...Es war inzwischen vollständig Nacht geworden und ein drohendes heranziehendes Gewitter begann sich durch große Regentropfen anzukündigen. Die Sesselträger waren mit den Apparaten bereits vorangeeilt. Die Finsternis war so dicht, daß von einem Erkennen des im unregelmäßigen Zickzack zwischen den Buchen über die Basaltbrocken ansteigenden schmalen Weges keine Rede mehr war und die Damen mehrmals neben den Weg gerieten... Ein herrlicher Sonntagmorgen lachte uns anderen Tages (auf dem Großen Winterberg), 25. September, beim Erwachen entgegen. Jetzt wurde vergeblich nachAufhahmestandpunkten herumgesucht, die sowohl von dem Hause, als auch von der Aussicht ein angenehmes, möglichst umfassendes und charakteristisches Bild geben sollten. Auf dem Plateau war kein Abstand zu gewinnen, um das Gebäude aufzunehmen - Weitwinkelobjektive gab es damals noch nicht - und in Betreff der Aussicht vom Turme nahm der Wald im Vordergrunde den größten Platz im Bild ein, teilte auch bei der Hauptansicht mit der Elbe, nach Westen zu, das Bild geradezu in eine breitere dunklere Partie, den Wald, und eine schmalere darüber, die fast immer etwas neblige Ferne. Ich entschloß mich endlich, diese Ansicht, als die Hauptpartie der Aussicht, aufzunehmen, nachdem wir vorher die Aussicht vom Kipphom besucht hatten... Über dem fortgesetzten Suchen und Wählen unter möglichen oder unmöglichen Aufhahmestandpunkten war jedoch die günstigste Beleuchtung für die Westaussicht immer ungünstiger geworden. Um die Möglichkeit der Aufnahme nicht ganz zu verlieren, ging ich nun an die Aufnahme... Ich zauberte nun daselbst nach besten Kräften ein so schönes Bild der Westaussicht über dem schwarzen Waldvor-dergrunde, daß ich mich, als ich den ersten Abdruck dieses Negativs später vor mir sah, nicht entschließen konnte, diesen Punkt in den Katalog mit aufzunehmen. Die Verwendung von Bromsalzen im Collodium war eben damals noch nicht bekannt, deshalb blieben auch die Details in dem schwarzen Waldvordergrunde sowohl als auch in der hellen nebligen Feme aus. Also auch hier ein Mißerfolg, den zu verbessern zur Zeit noch nicht in meiner Macht lag“ zufriedenstellende, ja, vorzügliche Resultate konnte ich erst ungefähr zehn Jahre später vom Großen Winterberge erlangen, nachdem sowohl in chemischer, als auch in optischer Hinsicht die Photographie weitere Fortschritte gemacht hatte. Und Nebenpunkte, die wohl damals schon leicht aufzunehmen gewesen wären, kamen zur Zeit nicht in Betracht. In Summe darf ich nicht unterlassen zu betonen, daß bis auf diese Stunde der Große Winterberg mit Haus und Aussicht eine der schwierigsten photographischen Aufgaben geblieben ist.
... Wir rüsteten uns zum Aufbruch nach dem Prebischtor...Auf dem Prebischtor in den späten Nachmittagstunden angelangt, wurde noch für alle für die Aufnahmen sich eignenden Punkten bestimmt und die Stunde ihrer besten Beleuchtung vorgemerkt. Dann richtete ich mit freundlicher Zustimmung des Wirtes das eine unserer Schlafzimmer als Dunkelkammer ein und ließ noch denselben Abend ein paar Zober Wasser durch meine Leute unterhalb des Prebischtores von den Schäfersteinen herholen...
Der folgende Morgen war regnerisch und neblig. Die Sterne hatten letzte Nacht zu hell und klar gefunkelt! Aber je höher das unsichtbare Tagesgestim hinter den Nebeln emporstieg, um so heller und leuchtender wurden diese und es lag endlich ein wohltuend milder Lichtglanz über der herbstlich weithin gebreiteten Landschaft, der dem photographischen Beginnen günstiger war, als strahlender Sonnenschein. Ich nahm von verschiedenen Punkten Bild auf Bild mit gutem Erfolg auf, und unter diesen war besonders eins, der Kleine Prebischkegel, von der Brücke zum Edmundstein aufgenommen, so durchaus wohl gelungen in seiner Totalwirkung, daß ein besseres Bild desselben bei seiner Position gegen die Beleuchtung bis heute niemals zu erlangen war. Die Sonne war unterdessen auch zwischen den Nebeln und dem mehr und mehr geballten herbstlichen Gewölk auf kurze Zeit hervorgebrochen und versteckte sich immer wieder von Neuem, so daß der fortwährende Wechsel der Beleuchtung meine neue photographische Landschaftspraxis um eine beträchtliche Reihe von Erfahrungen bereicherte.
Der Ort meines Laboratoriums lag unter dem Tore, oder vielmehr in dem Übernachtungshäuschen seitwärts des Tores. Ich mußte also für jede einzelne der oberen Aufnahmen die verschiedenen mehr als 100 Treppenstufen und Absätze hinauf und wieder treppab zum Entwickeln des Bildes so schnell wie möglich eilen. - Das war besonders abends in den müden Beinen zu merken. Aber die Arbeit ging dessen ungeachtet gut von Statten, denn die freundliche Fürsorge meiner lieben Reisebegleiter suchte mir, wo es nur möglich war, Beihilfe und Erleichterung beim Arbeiten zu schaffen...
Am Morgen des nächsten Tages war von früh an schönes Wetter und ich machte bis zur Mittagszeit eine Reihe wohlgelungener Bilder. Die letzte dieser Aufnahmen, Prebischkegel und Kreuzstein von unten gesehen, war wegen der Entfernung des tiefer und seitab liegenden Aufhahmestandpunktes vom Laboratorium, in Betreff des Hinab- und Hinaufjagens mit der Platte, beschwerlich genug.
Während wir nun nach beendeter Arbeit Mittag machten und ich mein photographisches Laboratorium wieder in seinen früheren Stand als Wohn- und Schlafzimmer zurückversetzte, das Silberbad zurückfiltrierte und alles zusammenpackte, kamen auch die vier Sesselträger mit zwei Tragen auf dem Prebischtore an. Die Tragen wurden gepackt und fort gings, hinunter nach Hermskretschen......“
 
Zusammengestellt aus: 
Hermann Krone: Erste photographische Landschaftstour durch die sächs.-böhm. Schweiz
in Ueber Berg und Thal, Organ des Gebirgsvereins für die sächsisch-böhmische Schweiz, 3. Jahrg. 1880,  Nr. 7, 10; 4. Jahrg. 1881, Nr. 3, 4, 8: 4. Jahrg. 1882, Nr. 9

News
Getting into Nature
Online Services
Additional information to the article
Date: 2005-09-28 07:49