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Wieland Förster über das Elbsandsteingebirge

Das Elbsandsteingebirge steigt nicht, wie man es bei Gebirgen gewohnt ist, auf aus langem Anlauf, der sich zum Gipfel, zur Kette aufwirft, wie die großen Geschiebe der Erdschollen. (Alpen?)

 

Man läuft es nicht von weither an, sondern steht, fast unvorbereitet, vor seinen Kleinmassiven und Schluchten. Dieses Gebirge ist eher ein Tal, eine ausgewaschene Hügellandschaft, ein Naturschauspiel, eine unerwartete Kuriosität inmitten einer Wald-, Acker- und Wiesenlandschaft, es ist ein Nationalpark für bizarre Sandsteinskulpturen! (Man denkt zuweilen an Gaudi!)

Der unzerstörte Fels:

  • Wände und Blöcke von unterschiedlicher Härte und Farbe.

 Im Verfall von wunderbarem Formenreichtum:

  • Nester, Risse, Ohren, Stege, Höhlungen, Spalten, Gänge -

die häufigsten  Bildungen:

  • Schädel, Gebeine, Zyklopenmauern, Sarkophage, Krypten, Röhren, Grotten, Grüfte, Kavernen, Gelasse, Apsiden, Becken, Baldachine, Brücken, Terrassen, Pagoden, Epitaphien, Wehrtürme, Wasserspeier, Kronen, Katakomben, Pfeiler, Pilaster, Schädelstätten, Kalvarienberge, Öfen, Schornsteine - Fratzen, Schimären, Dämonen, Plinthen, Throne, Laternen, Opfersteine, Altäre, florale Fialen, Krabben, Sporen, Beckenschaufeln, Knöchel, Wirbelgebeine -

und alles im Wechsel von Glätte, kieseliger Rauhigkeit und porigem Verfall; der Stein ist

  • verschliffen, gerundet, wattig, kantig, spongiös, sandig, bröckelig, mürbe, schrundig, schwammig:

als Ganzes - dämonisch, eine bedrohliche, grandiose Realität, die auf Grund ihres unfaßlichen Reichtums an Formen ins Mythische umschlägt.

Der Stein ist weich, anfällig und wird ständig verformt - so wie er sich vom Bildhauer leicht formen läßt - vom Regen, vom Wind, von der Sonne, aber vor allem von seinem chemischen Haushalt; die Wurzel der Birke oder Kiefer kann ihn sprengen, seine Lebensdauer ist berechenbar wie die des Menschen; es ist ein vergänglicher Stein in den Farben Gelb, Rost und Grau, er ist überzogen von Moosen und Flechten, von Alaun- und Gipsausblühungen, er ist Ablagerung von Sand, von Kiesel oder Lehm gebunden, er ist ein kränklicher Bastard unter den Steinen, auf den sich kein dauerhaftes Geschlecht gründen läßt.

 

Er ist reich an Fossilien, Muscheln, Farnen, die Flora und Fauna des Meeres ist als sandiger Ausguß in seinem Inneren bewahrt. Im Quartär schon, mit der Ausräumung der Täler, beginnt seine Verwitterung. Es entstehen kleinmorphologische Formen und Zonen zwischen kieselsäurefreien und schwach verkieselten Sandsteinpartien.

 

Seine «montane» Vegetation - merken wir uns nur die landschaftsbestimmende - ist die Fichte, Lärche, Birke, Buche und Eiche; sie sind nicht weniger gefährdet als der Stein.

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Date: 2005-07-12 06:57