mondscheinbilder

Mondscheinbilder

Bastei bei Rathen


                                                                        28. Oktober 1833


Ich möchte es doch eigentlich für eine Abgeschmacktheit unserer Stern-kundigen erklären, daß sie den Mond durchaus als Satelliten, ja als Trabanten der Erde bezeichnen! - Warum soll denn gerade ein so untergeordnetes, ein dienendes Verhältnis zwischen himmlischen Wesen gedacht werden, wo es so viel natürlicher ist, ein reines Band inniger Wesensverwandtschaft, stetiger Anziehung, liebender Wechselwirkung anzuerkennen! Freilich umkreist der Mond rastlos die geliebte Erde, er folgt ihr auf ihrer Bahn um dieSonne, ja das Licht, das er selbst von der Sonne empfängt, gießt er verschwenderisch wieder auf die Erde, ihre dunkeln Nächte zu erleuchten; aber diese auf innerlich gleichartige Wesenheit gegründete, schöne Wechselwirkung be-zeichnet nicht Dienste nach Art eines Satelliten, es bezeichnet liebende Auf-opferung und unbedingte Hingebung, obwohl der sich Hingebende in demsel-ben Maße wieder die lebenvollsten Einwirkungen von der Erde empfängt, und erst durch sie die eigentlichen Bedingungen seiner Existenz erhält.- Gewiß erst von dieser Seite aufgefaßt, verstehen wir etwas deutlicher die wunderbare Einwirkung des Mondlichtes auf unser, der Erdenbewohnen-den, Gemüt! - Denn wie der die Erde umkreisende Mond den Pulsschlag der Gewässer der Erde, die Ebbe und Flut des Meeres bestimmt, so wirkt die Erscheinung des Mondlichts mit sehr entschiedener Sicherheit auf den Herzschlag unseres Seelenlebens, auf das Gemüt! - und was klingt nicht alles in den Saiten dieses Gemütslebens wieder, wenn die Mondesstrahlen in ihrer mannigfaltigen Schönheit wie Windeshauch über Aeolsharfen streifend, sie berühren! - Zu diesen Betrachtungen fühle ich mich heute veranlaßt, als ich nach Jahren wieder einmal das Mondeslicht in reiner Klarheit über die wunderlichen Sandsteinfelsen der Eibufer bei Rathen sich ergießen sah! - Die säulenförmig aufgetürmten Massen dieser Gesteine mit ihren sonderbaren Durchbrüchen und Übereinandergestürztsein, mit ihren reichen Verzierungen schlangenästiger Kiefern und selbst turmartiger Fichten und Tannen, mit ihren üppigen Überkleidungen von Flechten und Moosen und einer mannigfaltigen Welt aus zerfallendem Sand mühsam sich hervorarbeitender Vegetation, bieten eine treffliche Szenerie dar, gerade die Wirkungen des Mondlichts in ihrer ganzen Mannigfaltigkeit und mit allen ihren sehn- süchtigen Reizen zu zeigen. Was sah ich nicht heute Abend alles für wunderbare Effekte auf dem Wege wo man vor der sogenannten Bastei über die Felsenbrücken gegen Rathen hinabsteigt! - Stelle Dich zunächst an das Ende der ersten Brücke, lehne Dich an den Felsen, der gegen die Elbe sich hinwendet, und blicke nun hinab in die gewaltige dunkle Tiefe, wo die Ufer und der Strom im nächtlichen Nebel zusammenfließen, und blicke nun wieder hinauf an die schroff vor Dir aufgetürmten, bleichen, vom hellen Mondlicht übergossenen Felsmassen, welche das Haupt in den dunkeln Nachthimmel erhebend, von Sternen gleich Kronen umgeben wurden! — sieh dann vorwärts gegen das dunkle Felsentor am Ende der Brücken, durch welches, wie aus grauen Nebelschleiern gewo-ben, die weite Ferne und zuhöchst der Rosenberg sichtbar wird! — stelle Dich dann so, daß der Mond hinter einem nähern, bemoosten und heidebewach-senen Felsvorsprung sich verbirgt, daß von ihm nur der bleichgoldige Schein, wie die Glorie am Haupte des Märtyrers, hervorleuchtet, und daß die Moose des Felsrandes zu einer scharfen, zarten, helleuchtenden Linie sich gestalten, über welcher nun heute noch das glänzende Gestirn des Jupiter strahlte — und Du wirst schon eine reiche Mannig- faltigkeit dieser Erscheinungen gewahr geworden sein! - und doch ändert jeder Schritt noch die Szene und gestaltet ein neues reizendes Bild! — Sonderbar war es unter ändern, als ich weiter unten auf eine gegen die Elbe vorspringende Felsplatte vortrat, und, an die hohe, den Mond verbergende Felswand gelehnt, die im hellen Mondlicht vor mir liegende, von dem Strome durchzogene Berggegend betrachtete. Ich kam mir in dieser tiefen Stille und Einsamkeit fast vor wie ein abgeschiedener Geist, und die grau in grau bleich vor mir liegende Gegend erschien mir als Leiche, ihrem allmählichen völligen Zerfallen und Vergehen entgegenharrend - es war eine Empfindung wunderlicher Art, wie ich sie kaum mir erinnern konnte gehabt zu haben. — Dann wieder das Gespensterhafte, in den tiefen Felsschluchten, wenn man im dunkelsten Schatten steiler Felswände sich gegenüber die bleich und hellbeschienenen Wände betrachtet, von Tannen in ihrer gleichen Fläche unterbrochen, deren windbewegte Zweige im Mondlicht hin- und herschwan-ken, und ihren geisterhaften, unsteten Schatten auf die helle Fläche warfen; dazu in der Ferne oft ein eignes hohles dumpfes Donnern, wahrscheinlich erzeugt, wenn Windstöße durch die ver- schlungenen Klüfte dieser so frei aufragenden Felswände dringen! — Kurz, ich wiederhole es, wen es erfreut — und welchen echten Menschen müßte dies nicht erfreuen - die geheimnis-vollen Wirkungen des Mondlichts in ihrer ganzen Schönheit kennenzulernen, der versäume nicht, sie auch einmal in dieser eigentümlichen Bergnatur aufzusuchen, er möchte manchen erfreulichen Beitrag finden, zu der


         „Mondbeglänzten Zauberwelt,

          Die den Sinn gefangen hält!“

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Date: 2005-07-12 07:40