Pirskawetz

Lia Pirskawetz

Der  Stille Grund

(Leseprobe)


„…. Mittags radelte ich heim, packte Bücher und  Kletterseil in den Rucksack und ging besichtigen. Es war ein blaublauer Februartag, und meine Sicht von den Aufensteinen auf die Landschaftselemente war nur geringfügig durch sehr zarten Dunst aus dem Elbtal getrübt.


„Zu luftger Höhe ragte hier empor


Der Zeder, Tanne, Fichte, Fächerpalme


Erhabner Wuchs; und reihenweise stieg,


Indem sich Schatten über Schatten wölbte,


Ein wunderherrlich Waldtheater auf.


Hoch über ihre Wipfel all erhob


Des Paradieses blühnde Spitze sich


Die unserm Ahnherrn einen weiten Blick


Rings in sein niedres Reich gestattete.“


Da stand ich nun wie der Ahnherr auf einem Felsvorsprung und blickte hinab in mein niedres Reich und dachte, daß auch dieses Paradies verloren sei, für den Menschen verloren sei. Wer einmal vom Baum der Erkenntnis gekostet hat, muß immerzu davon essen, bis er sich den Magen verdirbt. Wer eine erste Erfindung gemacht hat, den Feigenblattschurz, muß immer wieder erfinden, Polsterbänke und Schlüsseltaschen. Und wenn einmal die Vertreibung aus dem Paradies als Strafmaß festgesetzt worden ist, dann wird immer wieder vertrieben werden, aus den großen Paradiesen, aus den kleinen Paradiesen, bis es überhaupt keine mehr gibt. Ein Gott soll das geschaffen haben, aber nennt man das nicht einen Teufelskreis? Und 'ich war ausgesandt, ausgerechnet ich, ihn zu segnen oder zu unterbrechen. Nicht nach meinem Ermessen, sondern nach wissenschaftlicher Erkenntnis und mathematischer Optimierung.


Und dafür hatte ich das Paradies zu taxieren. Auf zur Generalinventur.


Ich warf meinen Rucksack in eine kreisrunde Felsmulde, von der wir als Kinder geglaubt hatten, daß sie eine Opferstätte der Bronzezeit gewesen wäre. Natürlich hatten wir an Menschenopfer gedacht, schaudernd froh, daß wir in viel humaneren Zeiten lebten. Ich steckte meinen Notizblock in die linke Anoraktasche, einen Kugelschreiber in die rechte und hängte mir ein Fernglas um den Hals. Dann legte ich die gesammelten Weisheiten der Landesbibliothek zurecht, nicht malerisch wie auf Großmutters Plüschsofa, sonderen bereits selektiert und systematisch. Als erstes wollte ich die Geländeformen nachzählen, als da sein könnten (in der Rangfolge ihres Erholwertes):                             


1. markante Hügel, Kuppen oder Felsen,


2. tiefe, schroffe Seitentäler,


3. Waldteiche und ähnliche Wasserflächen,


4. flache, muldenartige Täler,


5. indifferente Hügel beziehungsweise Erhebungen,


6. gleichmäßig geneigtes Gelände,


7. ebene Geländeflächen.


Schade, daß letzteres, die ebenen Flächen, nur noch null Reliefwertpunkte wert war. Ich hätte gedacht, daß ohne den Kontrast der Ebenheiten unsere Berge und Steine nicht besonders zur Geltung gekommen wären. Aber ich hatte nicht zu denken, sondern zu zählen.


So blickte ich in die Ruride wie ein Buchhalter. Der Aufwind trug Fichtennadel- und Modergeruch aus den Schluchten des Stillen Grundes herauf und kitzelte den Oberrevisor der Schöpfung wie eine verspielte Geliebte, die nicht fassen kann, daß ein Liebhaber so verbiestert, so unerotisch, so stockimpotent auf ihre üppigen Formen starren kann.


„Fülle und Eigenart verleihen dem Eibsandsteingebirge ein einmaliges Ausdruckspotential.“


Einmalig. Hieß das, dieses Ausdruckspotential gab es nirgendwo mehr in der Welt?


„Der Dreietagenbau bewirkt den außerordentlichen Reichtum vertikaler Linien ...“


Stimmt.


„. . . die mit den horizontalen Elementen der Ebenheiten und des Felsenplateaus kontrastieren.“


Also können ebene Geländeflächen doch nicht nur null Punkte wert sein.


„Zwischen Vertikale und Horizontale schieben sich die Schrägen der Schutthalden, die Rundungen des Granitgebirges und die vulkanischen Kegel des böhmischen Mittelgebirges.“


Und die Zylinder eines Hochsilos und die Quader von Fabriken.


„Zu der Vielzahl von Großformen kommen tausendfältige Kleinformen im Sandsteingebiet.“


Ich ging, das aufgeschlagene Buch in der Hand, an der Felsenkante entlang und musterte die Kleinformen, die gegenüberliegenden Gesteinsmassen, -buckel, -bauche, -mäuler, -doppelkinne, die Gottesohren und Teufelskrallen. Was ich schon immer als sportliche Klettertritte geschätzt hatte, war also von bestätigtem ästhetischem Wert.


»Das Empfinden der Mannigfaltigkeit einer Landschaft wird noch in der Bewegung gesteigert, durch die immer neuen Möglichkeiten, das Gesamtgebiet zu überschauen, aber auch durch die reine Körperleistung. Wenn das Elbsandsteingebirge auch keine großen Höhen zu bieten hat, so einen häufigen Wechsel der Höhenstufen.“


Das hätte ich vorm Lesen beachten sollen. Denn unversehens saß ich, ohne mich willentlich gesetzt zu haben, auf meinem Steiß. Außer in meinem Hinterteil spürte ich die „reliefbetonende Wirkung der Felsenlandschaft“ auch in meinem Fuß, natürlich wieder im linken.


Benommen blieb ich hocken. Mit dem Schmerz drang eine Welle Unlust in mein Hirn. Mir war, als könnte ich nie wieder Freude und Trost auf meinen Felsen empfinden, wenn ich diese Art Flurbesichtigung auch nur eine Minute länger betrieb, als verlöre ich das Paradies bereits in mir selbst. Nein, so ging das nicht. Hier oben offenbarte sich nur das Problem,nicht seine Lösung.“

News
Getting into Nature
Online Services
Additional information to the article
Date: 2005-07-12 08:03