Immermann

Karl Immermann

Aus Dresden, wie Eulenspiegel, im Regen gefahren. Wir trödelten so sacht ein paar Stunden zwischen ziemlich unbedeutenden Bergflächen hin,und schon glaubte ich, die Sächsische Schweiz wolle mich täuschen, als der Hauderer hinter Lohmen uns gebot, auszusteigen, und der Führer uns auf fast senkrecht hinuntergehenden Stufen in den Ottowalder Grund brachte. Da waren wir denn mit einem Zauberschlage im wildesten Felsental. Hier begann die Reihe der Erscheinungen, die mir dieses Gebirgsland gegeben hat. Ich fasse sie so zusammen. Sie sind doppelter Art. Entweder Aussichten auf ein weites, zerklüftetes Bergterrain mit hervorragenden Felshörnern in abgestumpfter konischer Form, oder labyrinthisches Tal, mauergrade aufsteigender Sandstein, viereckte, rundlich abgewaschne Quadern, wecken- oder sackartig übereinandergetürmt. Das steht oft in solchen Spitzen, in so schmalen Wänden einzeln, gesondert in die Lüfte, daß man kaum begreift, wie es nicht längst hat zusammenstürzen müssen. In Zacken springt es vor, in Toren und Schwibbogen hat es sich übergebaut, ungeheure Stücke sind zu Tale gestürzt, darüberhin wucherte Moos, Farrenkraut, Gebüsch, darunter rauschen, springen, zerschäumen wüste Wildbäche. Neben diesem Felsgeripp schauderhafte Abgründe, mit der düstern Tanne und Fichte besetzt, deren schwarze Nadel die Melancholie der Szene vermehrt. Nirgends etwas Heitres und Liebliches, die Natur, bei aller Größe, wegen der stumpfen Form matt.

Ich sah an den jähen Felsen vielfältig einen hochgelben Anflug, der sie noch greller leuchten machte. Als ich etwas davon sammeln wollte, zerrieb er sich mir unter den Händen. Es war ein mürber, pulverartiger Mooskörper.

Nachdem wir den Höllengrund durchschritten, standen wir zu Mittag bei klarem Wetter auf der Bastei, 800 Fuß über dem Spiegel der Elbe, die sich unten, wie ein schmales Band durch das Tal schlängelt. Es ist etwas Außerordentliches, aber nichts Schönes, und wenn man es einmal gesehen, hat man es genug, wie alle starken Effekte. Der Champagner, den ich geben ließ, schien nicht weit von der Bastei gewachsen zu sein. Das ist überhaupt eine Trübsal im Sachsenlande, mit der Leibesnahrung an den Wirtstischen, wenigstens für einen, der vom Rheine kommt.

Der ist ein Tor, welcher Berge mit seinen Füßen erklimmt, wenn er Träger haben kann. Ich hatte als geschworner Feind des Kletterns und des Keuchens, welches man Naturgenuß zu nennen übereingekommen ist, bei dem Ausrücken das stille Gelübde getan, jedes Transportmittel zu benutzen, und wäre es auch nur ein Esel. Ich nahm mir also zwei Träger durch den Amselgrund nach Rathewalde, zum großen Jubel F's. Er behauptete, ich sehe aus, wie der Konsul Cicero, der sich von seinen Kappadoziern schleppen lasse. Übrigens ist es auch nur um das Fortkommen. Die wippende Bewegung des Tragsessels kann einen wirklich seekrank machen. Meine Kappadozier weihten mit herkömmlichen Spaße F. in ihren Orden ein. Er reichte ihnen ein beträchtliches Trinkgeld mit der Ausdeutung, sie erhielten es deshalb so groß, weil sie die erste gelehrte Gesellschaft seien, die ihn zumMitgliede aufgenommen habe...

Am folgenden Morgen unter trübem Himmel durch den Kirnitschgrund nach dem Kuhstall. Die Felsen des Tals wieder senkrecht aufgesetzt, das Wasser Flözholz in Menge hinabsendend. Der Kuhstall, eine große, dicke, unterhöhlte Felswand, nach allen Seiten hin wie Brotschnitte zerspalten. Sie selbst steht auf einem mächtighohen Block, unter welchem der Habichtsgrund sich ausbreitet. Wir durchkrochen die verschiedenen Löcher und Spalten dieser Masse, für die es keinen rechten Augenpunkt gibt, weil sie nahe am Abgrunde sich türmt. Auf meine Frage: ob es viel Wild in diesen waldigen Gründen gebe, hieß es hier, wie allerorten, der jetzige König lasse es wegschießen, weil er den Bauern keinen Schaden ersetze.

Im Hinuntersteigen auf einer Platte mich verweilend und umschauend, sah ich ein wütendes Heer durch das Holz den Abhang heranstürmen. Es war der Franzose mit seinen Eleven. Er, eine junge Fichte in der Faust, voran, die Knaben auch mit langen Wegstecken versehen, hinterher, mehr laufend als gehend. Am Kuhstall kommandierte er: „Halt!“ und zeigte mit kurzer, heftiger Gestikulation die Sehenswürdigkeit vor. Die Knaben wiederholten mit ebenso heftiger Gebärde einander den empfangenen Unterricht, und nach dieser Lektion, die kaum zwei Minuten dauerte, rannte der Zug weiter den Pfad nach dem kleinen Winterberge hinauf.

Wir ehrlichen Deutschen machten uns denn so sacht hinterher. Dieser Bergsteg ist sehr steil und beschwerlich. Meine armen Träger stöhnten und ruhten an ihren gewohnten Stellen fleißig aus. Ich plauderte mit ihnen von den Leuten, die sie getragen, und erfuhr bei dieser Gelegenheit wieder, wie sich die Ansicht von der Menschenwelt in einem jeden nach seiner Beschäftigung verschieden ausprägt. Der Dichter spricht von poetischen und prosaischen Naturen, der Soldat von feigen und tapfern, der Philosoph von Denkern und Handwerksköpfen, die Dame von interessanten und uninteressanten, und diese sächsischen Träger kannten nur schwere und leichte „Perschonen“. Danach klassifizierten sie Fürsten, Grafen und Herrn, die sich ihrer Schultern und Füße bedient hatten.


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Date: 2005-07-12 07:58