Streptopus amplexifolius (L. DC.) - Stengelumfassender Knotenfuß
Sachsen - Rote Liste 2
Im unteren Teil des Großen Zschandes wird dem aufmerksamen Wanderer auf den Felssimsen und in den steilen Hängen beiderseits des Weges eine etwa 40-50 cm hohe und dünnstengliche Pflanze auffallen, die einer Weißwurz sehr ähnlich sieht. Beim genaueren Hinschauen wird er bemerken, das die parallelnervigen Blätter stengelumfassend sind. Diese weithin unbekannte Pflanze ist der stengelumfassende Knotenfuß. Nur wenige wissen, daß es sich hierbei um eine für das Elbsandsteingebiet höchst bedeutsame Pflanzenart handelt. Der Knotenfuß, mit dem wissenschaftlichen Namen (Streptopus amplexifolius) gehört zur Familie der Liliengewächse (Liliaceae) und ist hier eng verwandt mit der ihm ähnlichen Weißwurz, aber auch mit dem Maiglöckchen (Convallaria majalis) oder dem Schattenblümchen (Maianthemum bifolium). Seine im Herbst rotleuchtenden Beeren an den geknieten Stielen schließen aber eine Verwechslung mit der schwarzfrüchtigen Weißwurz aus.
Der wissenschaftliche Name bedeutet im Griechischen soviel wie "gedrehter Fuß", was Bezug nimmt auf den gedrehten Blütenstiel. Die Gattung ist mit nur dieser einen Art bei uns vertreten, eine weitere gibt es in Nordamerika und zwei weitere in Sibirien und dem Himalaya.Der Knotenfuß wurde im Elbsandsteingebirge 1840 von G. REICHENBACH entdeckt. In der Flora Saxonica seines Vaters (1842) steht: "Zwischen dem grossen Winterberge und dem Prebischthore an mehreren Stellen (meist 4" hoch!)." Diese Fundorte werden dann z.B. in Wünsches Exkursionsflora (1878) sowie bei HIPPE (1878) wiedergegeben. SCHMIDT (1896) kannte den Knotenfuß schon an mehr als 20 Stellen. Der Papstdorfer Lehrer HANS FÖRSTER konnte durch planmäßiges Suchen eine ganze Reihe weiterer Vorkommen ausfindig machen.
Der kälteliebende Knotenfuß gilt in Mitteleuropa als Glazialrelikt. Als eine in ihrer Verbreitung deutlich montane (subalpine) Art siedelt er in den Alpen zwischen 750 m und 2300 m, weitere inselartigen Vorkommen sind aus den Hochlagen der Mittelgebirge von Schwarzwald, Vogesen, Bayrischen- und Böhmerwald, Thüringer Wald, Erzgebirge und Sudeten bekannt geworden. Im Elbsandsteingebirge tritt die Art dagegen in einer für Mitteleuropa bemerkenswert tiefen Lage auf.In Sachsen besitzt der Knotenfuß von jeher nur einige wenige Vorkommen im oberen Westerzgebirge (Fichtelberggebiet) und der hinteren Sächsischen Schweiz. Weitere Standorte im Zittauer Gebirge bei Oybin, dem Buchberg und an der Lausche sind spätestens in den fünfziger Jahren erloschen (MILITZER 1957), ebenso die Vorkommen am Jeschken. Aber auch die Vorkommen im Westerzgebirge, die alle bei einer Höhenlage von über 1000 m liegen, sind stark rückläufig und dürften sich derzeit auf ein bis zwei Fundorte beschränken. Wie die Verbreitungskarte zeigt, hat sich der Knotenfuß in der hinteren Sächsischen Schweiz dagegen noch in einem größeren Bestand gehalten. Hier wächst die Art fast durchweg in den kühlen und schattigen Schluchten, häufig auf sickernassen Sandsteinbänken, bei einer Höhenlage zwischen 200 m und 425 m. Interessant ist die Verbreitung von Streptopus amplexifolius im Felsgebiet zwischen Kirnitzsch und der Staatsgrenze. Er meidet das vom wärmeren Elbtal geprägte Gebiet und auch das Fehlen im Hinterhermsdorfer Bereich ist auffällig. Ob die sich hier nach Süden öffnenden und damit klimatisch wärmeren Felsgebiete die Ursache für sein Fehlen sind muß offen bleiben. Auch in der deutlich wärmeren vorderen Sächsischen Schweiz wurden bisher keine Fundorte vom Knotenfuß bekannt. Die zerstreuten Vorkommen in der Böhmischen Schweiz knüpfen hinsichtlich ihrer Verbreitung und ökologischen Ansprüche an die Standorte im Großen Zschand an.
Der Knotenfuß wächst in der Sächsisch-Böhmischen Schweiz bevorzugt auf Felssimsen kühlfeuchter und schattiger Sandsteinwände, seltener auf bemoosten Felsblöcken oder auf dem Waldboden. Auf den Felssimsen kann er zum Teil größere Bestände bilden, wobei die Pflanzen eigentümlicherweise horizontal nebeneinander verteilt sind. Dies hat seine Erklärung in der reichlichen vegetativen Vermehrung, die für die Art im Gebiet sowie an diesen Standorten charakteristisch ist. Häufig stehen dann die Knotenfuß-Zweige schräg von der Felswand ab, so daß ihre Beeren beim Abfallen auf den Boden fallen. Die Pflanzen, die sich aus diesen Samen entwickeln, bleiben jedoch in der Regel Kümmerformen. Der Knotenfuß bildet in der Sächsisch-Böhmischen Schweiz eigene Pflanzengesell-schaften mit verschiedenen Moosen und Arten wie z.B. dem Frauenfarn (Athyrium filix-femina) oder dem Siebenstern (Trientalis europaea). In der Roten Liste von Sachsen (2000) ist der Knotenfuß als stark gefährdet (2) eingestuft. Leider sind infolge von Kahlschlägen und anderweitigen Freistellungen eine ganze Reihe von Vorkommen in den letzten zwei Jahrzehnten erloschen, so z.B. im Großen Zschand unterhalb des Teichsteines. Derzeit sind noch etwa 50 Einzel-vorkommen in der Sächsisch-Böhmischen Schweiz existent. Insgesamt dürfte sich aber der Gefährdungsgrad für die Sächsische Schweiz auf "gefährdet" reduzieren.