Das Zweiblütige Veilchen (Viola biflora L.)
Sachsen - Rote Liste 1
Viola biflora im Nationalpark Sächsische Schweiz.
Das Zweiblütige Veilchen, das seinen Namen den oft, aber nicht immer zweiblütigen Stengeln verdankt, ist eine der interessantesten und bedeutsamsten Pflanzenarten des Elbsandsteingebirges. Nur wenige Besucher oder Bergfreunde werden die auch als „Gelbes Veilchen“ bezeichnete Art schon einmal aus eigener Anschauung kennengelernt haben. Die wenigen, verschwiegenen Fundorte liegen weit isoliert voneinander und sind häufig schwer zu entdecken.
Die Familie der Veilchengewächse ist im Gebiet der Sächsischen Schweiz derzeit mit 9 Arten vertreten. Innerhalb dieser europäischen Viola-Flora nimmt Viola biflora auf Grund seiner beinahe zirkumpolaren Verbreitung eine besondere Stellung ein.
Das Zweiblütige Veilchen wurde im Elbsandsteingebirge zuerst bei H. FICINUS in seiner 1821 erschienenen „Flora der Gegend um Dresden“ genannt. Hier werden mit Uttewaldergrund und Amselgrund zwei Standorte aufgeführt. REICHEL erwähnt dann 1837 erstmals Fundorte an Stellen des oberen und mittleren Kirnitzschtales sowie am Wasserfall des Lichtenhainer Baches. In der 1878 erschienenen 3. Auflage von WÜNSCHES Exkursionsflora für das Königreich Sachsen werden für die Sächsische Schweiz folgende Angaben gemacht: „Amselfall, Uttewalder Grund, Hirniskretschen, grosser Zschand, Kirnitschthal bei Hinterhermsdorf.“ Diese Angaben werden dann in allen folgenden Ausgaben der Exkursionsflora übernommen. H. FÖRSTER (1927) kannte bereits neun Vorkommen im Bereich der Sächsischen Schweiz, sowie drei weitere in der Umgebung von Herrnskretschen. Obwohl eine ganze Reihe dieser Vorkommen erloschen sind (z.B. Uttewalder Grund, Lichtenhainer Wasserfall, mittleres Kirnitzschtal) existieren viele der oben genannten Fundorte auch heute noch. Ebenso sind bei einer ganzen Reihe von Standorten hinsichtlich der Individuenzahl der Pflanzen gravierende Rückgänge zu verzeichnen. Dies ist umso bedauerlicher, da die Art sich im Gebiet kaum zu vermehren scheint und neue Fundorte bzw. Ansiedlungen bisher nicht bekannt wurden. Es wird angenommen, daß die Samen weniger durch Ameisen als vielmehr durch Wiederkäuer (in Skandinavien z.B. durch Rentiere) verbreitet werden. Wie eine aktuelle Kartierung des Zweiblütigen Veilchens 1996 ergab, sind derzeit noch 21 Fundorte bekannt. Davon entfallen 19 auf das Kirnitzschgebiet und zwei auf das Bastei- bzw. Polenztalgebiet. Das größte Vorkommen wies etwa 180 Blüten auf.
Das arktisch-subalpin verbreitete Zweiblütige Veilchen besiedelt in Mitteleuropa in der Regel subalpine Wälder und Hochstaudenfluren der Gebirge oberhalb 1000 m. Im Elbsandsteingebirge liegen die Vorkommen dagegen in einer Höhenlage von 180-260 m. Die Art siedelt hier in kleinen Reinbeständen unter feucht-kühlen und schattigen Felsüberhängen der Schluchten und Täler oder aber in unmittelbarer Nähe des Gewässers (Kirnitzsch), wo ähnlich gleichmäßig temperierte mikroklimatische Bedingungen herrschen. Eine charakteristische Begleitflora ist hier kaum ausgeprägt. An einer Stelle wurde in unmittelbarer Nähe ein Vorkommen von der ebenfalls seltenen Tannen-Teufelsklaue (Huperzia selago) festgestellt.
Daher gilt im Elbsandsteingebirge als echtes Glazialrelikt und verdient unsere besondere Aufmerksamkeit. Als Glazial- oder Eiszeitrelikte bezeichnet man kälte- oft auch lichtliebende Pflanzen und Tiere, die sich nach der Eiszeit in den sich erwärmenden Gebieten an geeigneten Stellen (z.B. Mooren) erhalten haben. Ihren Verbreitungsschwerpunkt besitzen diese Arten meist im arktischen Gebiet oder in den Hochgebirgen
In Sachsen besaß das Zweiblütige Veilchen neben seinen geringen Beständen in der Sächsischen Schweiz nur noch ein Vorkommen am Westfuß der Lausche (BARBER 1917), welches aber seit langem als erloschen gilt. Die nächsten existenten Vorkommen befinden sich derzeit im Isergebirge, wo es wie im Riesengebirge und Altvatergebirge weiter verbreitet ist.
In der Roten Liste von Sachsen (2000) ist das Zweiblütige Veilchen infolge seiner Seltenheit als vom Aussterben bedroht (1) eingestuft. Der in den letzten Jahren beobachtete Rückgang in der Sächsischen Schweiz unterstreicht den Gefährdungsgrad dieser seltenen Pflanze. Besonders scheinen hier die Vorkommen an der Kirnitzsch durch Hochwasser (Schleusen!) gefährdet zu sein. Es versteht sich daher von selbst, daß seitens des Naturschutzes dieser botanischen Kostbarkeit unserer Heimat höchste Aufmerksamkeit geschenkt werden muß.
Viola Biflora - Vorkommen im Gebiet des Nationalparkes